VOM VERWEILEN UNTER SCHWEBENDEN LASTEN


Fotografie solcher Art ist zunächst die technische Aufnahme eines genau bezeichneten Orts in der Stadt. Haus oder Nicht-Haus, Straße, Platz und Hof; die Kamera spiegelt das Bild der Stadt in perspektivischen Schnittflächen, worin vertikale und horizontale Schichtungen bloßliegen. Mit der Zentralprojektion des umbauten Raums in die Bildebene ist das Dokument eröffnet. Die Aufnahmeorte werden auf wiederholten Exkursionen bestimmt: Position im Planquadrat mit Notizen zu Himmelsrichtung, Zeit, Sonnenstand und besonderen Umständen . Das Objektiv immer auf Augenhöhe des Fußgängers.

Für die Aufnahme ist der Zeitpunkt günstig, der die größt-mögliche Freistellung der Baukörper erlaubt. Bis auf die nackte Situation, das kahle Gerüst der Baulichkeiten, wie sie in langer Geschichte zusammengewürfelt jetzt herumstehen. Belagert von wechselndem Straßenmobiliar, unbewegt in der allgemeinen Zirkulation. Hierzu kein Kommentar des Fotografen, aber das fotografisch exakte Verzeichnis der begeg-nenden Immobilien, ehe auch sie fortgerissen werden. Ein Augenblick gesteigerter Sichtbarkeit geht dem Verschwinden voran.

Also Wahl des Orts, Definition des Bilds und des Aufnahme-zeitpunkts, oft langes Warten, Überprüfung in der Dunkel-kammer, oft Wiederholung, wo möglich Korrektur der Auf-nahme, bis das gesuchte Bild steht — oder fällt. Einziges Hilfsmittel ist die Serie, worin der beobachtete Zustand durch einer Reihe gleichartiger Aufnahmen eingekreist wird. Man wünscht den Vergleich.

Auf diesem Weg erscheint in der Tiefenschärfe der Fotografie plötzlich eine Wendung ins Abstrakte, die dem topografischen Wiedererkennen Rätsel aufgibt. Das Bild kann sich ganz vom gegebenen Ort ablösen — als Chiffre oder Summenformel möglicher Konstellationen —, ohne ihn aber aufzugeben, wie das z.B. durch Unschärfe, Ausschnitt oder Übermalung beliebig machbar ist. Die goldene Regel lautet: Nichts fotografieren, was nicht jeder sehen könnte. Es wird sowieso nicht geglaubt. Der Winkel, unter dem Gebäude gewöhnlich von bewegten Zuschauern wahrgenommen werden, ist so flach, dass jede Straßenansicht, die ohne stürzende Linien über das Erdgeschoß hinausreicht, an sich ins Phantastische ragt.

Das, was da ist, muß genügen. Es ist schwer genug. Und in Reichweite des Fußgängers. Erst wenn es kopfsteht auf dem Stativ und nur noch schwach im Dunkeln leuchtet, wunderbar verkleinert und vereint im Gitternetz der Mattscheibe, wird es leichter. Die Farbe erlischt in der chemischen Matrize. Später werden die abgezogenen Bilder auf Papier fixiert und gesammelt. Der über die Fotografien gebeugte, entfernte Betrachter ergänzt sie zur vollständigen Reihe, indes zerfällt die Stadt.

Nun könnte man, die Fotografie in der Hand, sich beeilen, den so im Stadtbild bezeichneten Ort zu suchen und, wenn das Passende gefunden ist, vor dem Motiv solange stillhalten, bis der Fotograf aus einer Fensterhöhle winkt und über die Straße ruft: "Das Haus steht leer. Es gab ein Fest. Künstliche Seen auf allen Etagen. Schwimmende Feuerinseln..." Mehr hören wir nicht, denn jetzt werden rohe Bretter abgeladen, und den Vordergrund beleben Arbeiter, die einen Zaun um die Baustelle schlagen.

André Kirchner, Berlin 2000