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Exposé
DEUTSCHE RUINEN
Feldstudie oder fotografische Erörterung der modernen Ruinen in Deutschland
Auf zahlreichen Reisen der letzten Jahre, die mich im eignen oder fremden
Auftrag durch Deutschland führten, habe ich immer häufiger das
beunruhigende, geradezu beängstigende Auftreten eines neuen Typus
von Ruinen beobachtet: Aufgegebene Orte und verlassene Bauten, die durch
Verwüstung, Brandstiftung und Vandalismus förmlich explodieren.
Gefahrenzonen ganz eigener Art, deren massenhafte Ausbreitung in den vergangenen
zwölf Jahren nicht nur, aber den Osten Deutschlands in besonderem
Maße betrifft. Das Pittoreske der Ruine, ein auch von Fotografen
gerne bedientes Genre, setzt eine Langsamkeit des Verfalls voraus, Zeit,
die den neuen Ruinen nicht gegeben ist. Stattdessen kehren die künstlichen
Ruinen des 18.Jahrhunderts wieder, die heute allgegenwärtig und immer
neu produziert werden. Durch Stilllegung, Entmietung, Leerstand und Rückzug;
kurz durch Preisgabe an die entfesselte Zerstörungswut.
Verlassene Orte aller Art werden mit rasender Geschwindigkeit aufgebrochen
und zerstört. Schlösser und Bahnhöfe, Kinos und Tankstellen,
Gutshäuser und Fabriken, Scheunen, Speicher, Ställe, Gasthöfe,
Hotels, Kulturhäuser, Kirchen, Krankenhäuser, Kasernen, Mietshäuser,
Villen und Lauben, aber auch Gärten, Denkmäler und Friedhöfe.
Kein Ort ist sicher. Alles wird in dem Furor der Vernichtung angegriffen,
ausgeweidet und zertrümmert. So dass um die Gebäude eine Gefahrenzone
entsteht, abgesteckt durch die Flugbahnen der herausgeworfenen Gegenstände.
Trümmer liegen in weitem Umkreis herum - wie nach einer Explosion.
Und dieses beschleunigte Schicksal preisgegebener Standorte springt bösartig
auf bewohnte Orte über, terrorisiert und bedroht Menschen mit dem
Tod. Orte der Gewalt und verbrannte Erde, die der Rückzug der Zivilgesellschaft
hinterlässt: Erkaltende Räume.
Nur scheinbar ein Moment der Peripherie, ist es vielmehr ein zentrales
Phänomen der Globalisierung, die mitten in Europa hier bisher unbekannte
Verfallszonen schafft.
Der Fotograf C.J.Vergara hat in seinem Bildarchiv „American Ruins“
den Verfall der nordamerikanischen Städte über 25 Jahre lang
monumental dokumentiert (NewYork, 1999). Durch einen Bericht darüber
angestoßen, habe ich im Jahr 2000 begonnen, mit Hilfe von Reisenotizen,
Zeitungsmeldungen und Immobilien-Versteigerungskatalogen ein Register
solcher Orte anzulegen, um sie gegebenenfalls fotografisch zu dokumentieren.
Mit großformatigen Schwarzweißfotografien, wie ich sie gerade
in meiner Einzelausstellung „Berliner Meisterwerke“ (siehe
Pressespiegel und beiliegende Fotografien) zeigen konnte. Aber auch in
stichprobenartigen Farbfotografien aller Formate, die vor allem Details
beleuchten sollen.
André Kirchner, Berlin, im Februar 2003
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