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André Kirchner

D R E S D N E R K A M P A G N E

Tagebuch des Fotografen
Verlag der Kunst, Dresden, Amsterdam, 2000

Wenn, wie es hier geschieht, aus Aufzeichnungen aller Art das Tage- und
Stundenbuch eines Fotografen konstruiert wird, muß die handelnde Person
zum Spiegelbild der beobachteten Gegenstände und Ereignisse werden. Im
Verhältnis des Fotografen zu seinen Gegenständen offenbart sich das gesellschaftliche
Innenverhältnis seiner Generation. Der Fotograf ist nur ein Gleichnis.

Dieser Fotograf aber, aus West-Berlin nach dem Fall der Mauer für halbes
Jahr nach Dresden gehend, ist keine abstrakte Figur, sondern ein aus eigener
Anschauung geschilderter Handwerker, der an die Grenzen seines Fachs stößt.
Angesichts des einzigartigen Übergangszustandes, den er noch im dritten
Jahr der Wiedervereinigung antrifft, beginnt er neben der Fotografie der
Stadt auf allen Ebenen Protokoll zu führen und Beweismittel zu sammeln.
Im scharf beobachteten historischen Prozeß der feindlichen Übernahme
gerät der Fotograf schließlich selbst unter Verdacht.

Die Handlung ist einfach. Das Geschehen der Kampagne wird Tag für Tag
aufgerollt. Es herrscht das Präsens des Sommers 1992 in Ostdeutschland.
Der Fotograf ist ständig unterwegs zwischen Labor Berlin und Schauplätzen,
stochert im Nebel der Geschichte, tappt im Dunkeln, kommt nirgends an.
Wohnt im Plattenbau und sucht nach Elbflorenz.

Der Blick des Fotografen spiegelt sich im Einsatz der Abbildungen. Wenigstens
annäherungsweise wird der Versuch unternommen, den endlosen Strom der
Wahrnehmungen in einer Materialcollage wiederzugeben. Das notwendig Ausschnitthafte
der Fotografie gewinnt im Text neuen Zusammenhang.

Die deutsche Wiedervereinigung nötigt zu Fragen an die Nationalgeschichte.
Von Goethes Kampagne 1792 bis zur friedlichen Revolution 1989 wird
kein Krieg ausgelassen. Blitzlichter erhellen die Ruinen einer Geschichte,
die sich an verlorengeglaubten Orten wiederfindet. Zur Sache gehört werden
Stimmen aller Zeiten aus dem Beitrittsgebiet.
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