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André Kirchner
Erfrischungen werden nicht gereicht
Der Einfachheit halber möchte ich nun selbst ein paar Worte dazu sagen, was es mit den in Aussicht gestellten „Erfrischungen“ auf sich hat. In diesen Fotografien, genauer gesagt, in den abgebildeten Gegenständen der Fotografien wird ja nicht auf den ersten Blick sichtbar, welche Art von Erfrischung hier gereicht wird.
In der Kunst, wo zweite und dritte Blicke aufs Werk üblich sind, wird das auch nicht verlangt. Gilt Durchsichtigkeit der Motive als unerwünscht. Wenn aber die Fotografie ins Spiel kommt, ist das anders: Von Fotografie wird erwartet, dass sie etwas zeigt. Und sie zeigt es uns auch gerne.
Allerdings wird die Fotografie immer noch mit ihren Gegenständen verwechselt oder in einen Topf geworfen. So habe ich in einer Kritik meiner Fotografien allen Ernstes lesen müssen, dass ich in nestbeschmutzerischer Weise die Kirchtürme meiner Geburtsstadt Erlangen abgeschnitten und nicht die eigentlichen Sehenswürdigkeiten aufgenommen hätte (StadtSichten Erlangen, 2002).
Öfter wird auch der Mangel an Leben beklagt, den man darin zu erkennen glaubt, dass keine Menschen durchs Bild laufen oder darin posieren. Dabei ist gerade das ein wesentlicher Kunstgriff meiner Fotografie, die vom Menschen geschaffene Situation so freizustellen, dass sie überhaupt erst sichtbar und lesbar wird.
Denn auch die gegenständlichste Fotografie ist vor allem die Inszenierung ihres Gegenstands. Eine Vielzahl von Entscheidungen, - ob bewusst oder unbewusst getroffen - , geht dem Bild voran und definiert das Ergebnis: kleine oder große Kamera, analog oder digital, schwarzweiß oder farbig, vom Stativ oder aus der Hand, kurz oder lang belichten, welcher Zeitpunkt, welches Licht ist günstig, welcher Standort, welche Brennweite, welche Perspektive geeignet?
Annähernd ebenso viele Entscheidungen bestimmen die Bildbearbeitung, die Auswahl und Präsentation, bis das Bild in einer mitteilbaren Form vorliegt. Viele der hier in der Galerie gezeigten Fotografien sehe ich jetzt zum ersten Mal vergrößert und im Passepartout von seinem Filmnachbarn isoliert, also getrennt und ausgeschnitten zur Wirkung gebracht, zurückgeführt in Richtung des Bildes, das ich mir bei der Aufnahme gemacht hatte.
Nach fünfundzwanzig Jahren Schwarzweißfotografie liegt für mich allein schon in der Farbe eine Erfrischung, wie sie Andrej Tarkovsky empfunden haben mag, als er zum ersten Mal auf Kodakmaterial drehte, überwältigt von der Schönheit der Farben. In die Opulenz seines Films „Nostalghia“ kann und will ich ihm aber nicht folgen; in der Hauptsache fotografiere ich weiterhin schwarzweiß mit Planfilm und großer Kamera vom Stativ, zumindest solange es den Film noch gibt...
Aber die Farbe und hier gerade die Leichtigkeit der handlichen Mittelformatkamera habe ich in den letzten Jahren besonders auf Reisen, am Rande von anderslautenden Aufträgen, immer häufiger dazu benutzt, auch der flüchtigen Notiz beim Durcheilen einer fremden Stadt mehr Gewicht zu geben, als es mit Kleinbildkamera oder Fotohandy möglich wäre.
Sie können in diesen Bildern spazieren gehen, wie ich es jetzt auch wieder getan habe und vergessene oder ungesehene Details entdecken! Viele der abgebildeten Gegenstände existieren nicht mehr.
Die Erfrischungen aber, übrigens an sich - als Wort und Gegenstand – genauso mausetot und ausgestorben wie es seit jeher in meinen Fotografien zugeht (erste Beispiele von 1979 werden auch gezeigt), sind alle und perdü.
"Erfrischungen“ also werden nicht mehr gereicht, genauso wenig wie man etwa noch in die Sommerfrische fährt. Man macht sich nicht frisch: man ist immer schon frisch!
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