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Dr. Ursula Prinz
„Berliner Meisterwerke“
Der Titel, den André Kirchner seiner Ausstellung gegeben hat, ist keineswegs Ausdruck künstlerischen Größenwahns, sondern ironisch zu verstehen und außerdem durchaus mehrdeutig. Mag man dem Titel, wenn man inmitten dieser Ausstellung steht, auch getrost zustimmen, so könnte man auch dazu tendieren, in dieser so gar nicht an das „Berlin-Image“ erinnernden Schau, den Sinn dieses Titels mit dem Dargestellten zu identifizieren, indem man ihn also auf deren Inhalt, auf Berlin bezieht. Denn dieses ist das Thema von Kirchner: die Stadt.
Aber es sind keineswegs die Großbauten oder andere „Meisterwerke“, die da im Visier stehen, sondern – seit dem Fall der Mauer- zumeist die in Mitte gelegenen eher unscheinbaren und auf den ersten Blick wie zufällig gewählten Ausschnitte aus dem Straßenbild, unspektakuläre Stadt-Ansichten, Ruinen, architektonische Sündenfälle und Kuriositäten aller Art. Eben eher keine „Meisterwerke“, sondern Alltägliches, das in Berlin anders aussieht als beispielsweise in Rom oder New York, das aber genauso geschichtsträchtig und unverwechselbar berlinisch ist. Dabei wirken die fotografierten Orte selbst verlassen, wie übriggebliebene, stumme Zeugen vergangener Taten und Geschehnisse. Vergebens sucht man nach Menschen, Tieren, Leben irgendwelcher Art in Kirchners Stadtfotografien, die Bilder sind leer. „Die Stadt auf diesen Bildern ist ausgeräumt wie eine Wohnung, die noch keinen neuen Mieter gefunden hat“ sagte Walter Benjamin 1931 über die Fotografien von Eugène Atget und fuhr fort: „Diese Leistungen sind es, in denen die surrealistische Fotografie eine heilsame Entfremdung zwischen Umwelt und Mensch vorbereitet. Sie macht dem politisch geschulten Blick das Feld frei, dem alle Intimitäten zugunsten der Erhellung des Details fallen.“
Anders als bei Atget ist aber das beobachtete Detail bei Kirchner weniger offensichtlich, weil er es in die Gesamtkomposition eingegliedert und dabei nahezu versteckt. Immer wieder begegnet ein zufällig im Vordergrund parkendes Auto, ein den Blick in die Tiefe verstellender Bauzaun, eine Turmspitze, eine mehr oder weniger motivierte antike Tempelfassade in desaströsem Umfeld. Aber nicht diese Details sind es, auf die Kirchner das Augenmerk lenkt, sondern die mit ihrer Hilfe wie zufällige und gänzlich kunstlos erscheinende gewonnene Bildkomposition, die das Auge zunächst abweisen kann und dem Betrachter den Zugang manchmal regelrecht versperrt, um ihn schließlich umso sicherer gefangen zu nehmen und über den Widerstand hinweg ins Bild hineinzuziehen. Die Bildkomposition des Fotos ist auf Kontraste aufgebaut, aber auch auf konform verlaufende bzw. miteinander kommunizierende Bildelemente. Kirchners Bilder sind spröde, genau kalkuliert und komponiert, intellektuell erarbeitet und atmen gerade dadurch die unverkennbare Atmosphäre ihrer Zeit.
André Kirchner hat bereits 1986 in seinem Katalogbuch „Hier und Dort“ beschrieben, was ihn in seiner Fotografie interessiert: „Die Suche nach dem Geheimnis von Leben und Überleben in unserer Industriegesellschaft; und die Suche nach Leben führt weg ins Tote, in geschlossene Geschichte“. Geschichte ist in Kirchners Bildern immer vorhanden, als Vergangenheit, aber auch als Gegenwart. In Berlin sind es zu Anfang der neunziger Jahre noch die Wunden des zweiten Weltkrieges, die besonders im Osten unserer Stadt, bzw. in Mitte, allgegenwärtig waren. Seien es die Einschusslöcher in den Fassaden oder die Lücken, vertraute Brachen der Nachkriegsstadtlandschaft, die nun wieder bebaut werden.
Dass es der Kunst bedarf, auch mit der Fotografie solche atmosphärische Geschichtsschreibung und Erinnerungsarbeit zu leisten, braucht heute keine Legitimation mehr. Die Kunst von André Kirchners Fotografie besteht unter anderem in ihrer Unaufdringlichkeit, die seine Fotografien dennoch unverwechselbar macht. Gerade an der Alltäglichkeit lässt sich der manchmal absurde Charme unserer Stadt überführen und festmachen. Den Augenblick, der im nächsten Moment schon Geschichte sein kann, adäquat festzuhalten, das ist die Kunst dieser Fotografie. Gerade in jüngster Zeit ist die Veränderung ja immer rapider geworden und die Erinnerung immer flüchtiger. Dieses genau kann die Fotografie von André Kirchner vermitteln: persönliche Erinnerung jenseits des kollektiven Gedächtnisses, das alles gleichmacht. Die Seele der Dinge steckt nicht in ihrer Oberfläche, die durch die Mechanik des Apparates gebannt wird, sondern betört oder entschwindet im Zwischenreich der Bezüge und Begegnungen.
Es bleibt im Metier der Architektur- und Stadtfotografie nicht aus, auch zum Chronisten zu werden. Kirchner ist so ein Chronist, aber nicht im Sinn einer trockenen Bestandsaufnahme, sondern mit einer poetischen, gelegentlich ironischen, manchmal drastischen oder auch ziemlich banalen Sichtweise, wenn es das Sujet denn hergibt. Natürlich hat auch er die Baustellen fotografiert und schließlich auch die Ministerien, Auftragsarbeiten für den Architekturfotografen. Hier hat er sich unter anderem dem Thema „Kunst am Bau“ gewidmet. Die Kunst am oder im Bau fotografierte er nicht losgelöst, sondern immer im Zusammenhang von Architektur und Räumlichkeit, um so den besonderen Sinnzusammenhang zu erfassen und wiederzugeben. Soeben erschien im Wasmuth-Verlag der Bildband „ Kunst am Bau – die Projekte des Bundes in Berlin“, wozu Kirchner viele Farbaufnahmen beigetragen hat.
Sein eigentliches Ausdrucksmittel scheint mir jedoch die Schwarz-Weiß-Fotografie zu sein, die sich besonders dazu eignet, architektonische Formen, aber auch andere Raumkörper im Bilde wie skulpturale Elemente erlebbar zu machen. Licht und Schatten, Form und Fläche lassen sich in großer Klarheit auf der Bildfläche miteinander vereinen. Eine nahezu französische Clarté zeichnet die schönsten Fotografien aus. Schauen Sie nur das Foto auf der Einladungskarte an: Über die Schranke der Bürgersteigspoller hinweg erblicken wir die in Licht und Schatten gerundete und gehälftete Litfasssäule, die nichts als Form, bzw. Körper ist , weil sie, weiß überklebt, ihre Nachricht verweigert, vor einem mit Arkaden versehenen Bau, der den Blick in die Tiefe verstellt , aber nach rechts den Ausblick, nicht auf die Front, sondern auf die Rückseite eines kubenreichen und kantigen Fabrikgebäudes freigibt, davor eine Wand mit hellen, leeren Fenstern, weil das zugehörige Gebäude nicht mehr vorhanden ist. Alles ist reine Form und Komposition, keine Information, kein Inhalt wird vermittelt. Negation und Widerstand scheinen das Thema dieser Arbeit zu sein, aber alles hat so in der Realität existiert. Niemand käme auf die Idee, diese Stadtlandschaft, das Sujet der Fotografie, mit dem Begriff des Meisterwerks in Verbindung zu bringen; aber – merkwürdigerweise, das Foto selber ist eines!
Eine gewisse Sperrigkeit ist der Kunst der Fotografie von André Kirchner schon zueigen, eben weil sie nicht mit gewollten Perspektiven und eklatant ungewöhnlichen Sichtweisen arbeitet. Kirchners Kunst ist eher still und die Besonderheit seines Blicks tritt vornehmlich subversiv zutage. Eine leise Ironie ist fast immer mit im Spiel, wie denn überhaupt das Spielerische immer zugelassen ist im Umgang mit der Realität unserer Stadt, die im Grunde genau das Gegenteil von Leichtigkeit provoziert. Damit soll nun nicht Unbeschwertheit gemeint sein; denn Kirchner weiß genau, was er ablichtet. Mit wachem Witz und intellektueller Strenge gibt er seinen Bildern eine innere Logik, die sie wie selbstverständlich erscheinen lassen. Er sucht sich seine Motive in der geschichtsträchtigen, sich verändernden städtischen Umgebung gerade auch deshalb oft im Unspektakulären, weil sich hier Leben und Spuren gelebten Lebens am deutlichsten aufzeigen lassen; denn, obwohl der Mensch in Kirchners Fotografien nirgends in Erscheinung tritt, geht es, weil alles vom Menschen und für oder gegen ihn gemacht ist, letztlich um ihn.
Eröffnungsrede (gekürzt) von Frau Dr. Ursula Prinz, November 2002
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