Mikrobibliographie auf das Erscheinungsjahr 2000

Vorbemerkung

Dies ist die private Erhebung einer Auswahl von Büchern, die mich im Jahr ihres Erscheinens – oder doch kurz darauf – erreichten, weil ich entweder selbst als Autor und Fotograf, oder Freunde und Bekannte daran beteiligt waren, weil der Vergleich mit dem eigenen, gerade erschienenen ersten Buch „Dresdner Kampagne – Tagebuch des Fotografen“ (siehe Nr.17 dieser Liste) interessierte, weil es vom Thema her in mein Blickfeld geriet oder einfach als Geschenk auf den Bücherstapel wanderte.
So entstand nach und nach eine kleine Pyramide von vierundzwanzig der Größe nach angeordneten, mehr oder weniger gründlich gelesenen Büchern aus dem Jahr 2000, die jahrelang in dieser einmal gefundenen Form unangetastet neben meinem Schreibtisch verstaubte, weil ich die Zeit nicht fand, dann auch, weil ich es wieder für überflüssig hielt, diese zufällige Auswahl, wie ich es mir eigentlich vorgenommen hatte, zu beschreiben, zu kommentieren und das Ergebnis an die Betreffenden weiterzuleiten. Ein wahrer Leserbrief mit der Bitte um Kenntnisnahme und vielleicht gar Erweiterung des Projekts.
Von allen Möglichkeiten und Methoden, gesammelte Bücher in die systematische, allgemein zugängliche und stehende Ordnung einer Bibliothek zu bringen, deren schriftlicher Fixierung ein offener Katalog oder die geschlossene Bibliographie dienen, dürfte die Beschreibung eines formatierten Bücherstapels, also die Festschreibung einer prinzipiell unzugänglichen, weil liegenden Anordnung, das subjektivste und sinnloseste Modell sein. Ein höchst zweifelhaftes Unterfangen, dem nur die Synchronizität der Buchtitel einen Anschein von Wissenschaftlichkeit verleiht und das durchgängige fotografische Interesse des Verfassers einen gewissen Zusammenhalt sichert.
Das nun vorliegende Ergebnis einer Miniatur-Bibliographie, ist auch bereits der dritte Versuch des Unterzeichneten, eine Liste aufzustellen, die disparate Lektüren – wie sie das Leben so mit sich bringt – kommentierend zusammenfassen soll, damit das Labyrinth des Lesers sichtbar wird. Fasziniert hat mich dabei immer das mehr oder weniger zufällige Nebeneinander unterschiedlichster Welten, wie es schon die geläufige alphabetische Ordnung nach Autorennamen oder Buchtiteln erzeugt.
Was ich als Student der klassischen Philologie noch mit einem idealen Kanon der mir liebsten und wichtigsten Bücher begonnen hatte, einem fragmentarisierten Bildungskanon, der von Homer im Urtext bis zur Broschüre „Psychologie des bürgerlichen Individuums“ der Marxistischen Gruppe München reichte, mit einem Riesenspagat über Poesie, Philosophie, Literatur und Politik, das führte ich später in ganz andrer Weise fort.

„…Bis dir das Buch in die Hand kommt,
ist es zum Lesen
vielleicht schon zu dunkel.

Ob die Libellen
ohne uns auskommen werden,
wissen wir nicht.
Es ist anzunehmen.

Wirf das Buch fort und lies.“

Diese Strophen von Hans Magnus Enzensberger (aus „Bibliographie“, in den Gedichten von 1955 bis 1970) stellte ich meiner ersten Bibliographie voran, die knapp vierzig Titel umfasste, so genannte Sachbücher genauso wie Belletristik, in dem Bestreben, die Trennung wieder aufzuheben, die gerade durch die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher (1978) und der 100 Sachbücher (1982) festgeschrieben worden war. Ich kopierte meine Lieblingsstellen aus den Büchern, erklärte auch, wie zum Beispiel ausgerechnet Schillers „Geisterseher“ in diesen komischen Kanon fand, und tippte das zusammen mit den nötigsten Angaben zum Buch (Autor, Titel, Jahr der Ersterscheinung) in die Reiseschreibmaschine „Erika“, oder war´s eine „Tippa“? Dann schnitt ich alle Textstücke aus, mischte ein paar Abbildungen darunter, vor allem Schwarzweißfotografien der „Reise ins Meer“ von Hannsjörg Voth (Aktion 1977/78), und klebte alles ohne eine bestimmte Reihenfolge wieder auf Din-A-4-Blättern zusammen. Diese Text-Bild-Collage fotokopierte ich am Ende, um sie Freunden zugänglich zu machen.
Beim zweiten Versuch fast zwanzig Jahre später nahm ich, ernüchtert und mit geschärftem Sinn für die Absurdität und die Poesie solcher Zusammenstellungen, ein leeres Schulheft vor und beschrieb in alphabetischer Reihenfolge der Titel, je Buch eine Seite, zweiunddreißig Bücher, die sich im Laufe eines Jahres auf Schreib- und Nachttisch zur Lektüre versammelt hatten. Dort war der Bogen noch über zwei Jahrhunderte gespannt, von den tatsächlichen Erscheinungsjahren der Bücher her umfasste die Liste aber nur noch die vier Jahrzehnte von 1960 bis 1998.
Beginnend mit „Alle Geschichten“ von Reinhard Lettau, München 1998, bis hin zum längst vergriffenen „Was die fühlende Seele sucht“, Caspar David Friedrich in Bekenntnissen und Briefen (und Kraftsprüchen!), Berlin 1968, waren dort Texte so konträr versammelt, wie es der Zufall eines Antiquariatsfunds, einer Zeitungsnotiz, eines Geschenks wollte, oder auch als Folge systematischer Lektüre sich ergab, was dann vollends verwirrt.
Neben einer genauen bibliographischen Notiz zur Wiedererkennbarkeit der mir vorliegenden Ausgabe beschrieb ich vor allem diesen Zugang zum Buch. Wie ich eigentlich dazu gekommen war, gerade jenes Buch zu lesen, um dann kurz die Lektüre zu kommentieren, ob und warum die Erwartungen, die sich daran geknüpft hatten, erfüllt, übertroffen oder gar enttäuscht wurden.
So entstand ein verschlungenes, sehr eigentümliches Labyrinth, in das ich gern mehrere leidenschaftliche Leser hineingelockt hätte. Aber schon die handschriftliche Fassung, die ich in sechs aufeinander folgenden Nächten einem alten Schulheft anvertraute, überstieg erheblich mein Zeitbudget, empfand ich unter dem Druck von Arbeit und Familie als unerhörte Extravaganz. Und dabei blieb es auch.
Vorbei das großzügige Stipendiumsjahr 1996, das ich fast ganz auf die Niederschrift meiner „Dresdner Kampagne“ verwenden konnte, die jetzt im Mittelpunkt dieser dritten Bibliographie stehen soll, damals indes noch ungedruckt, ohne Verlag, ohne Aussichten in einigen fotokopierten Handexemplaren des Computerausdrucks unter Freunden zirkulierte.
An dieser Situation änderte auch das schwer erkämpfte Erscheinen des Buches im Jahr 2000 nichts. Mein Schriftstellerleben endete, ehe es begonnen hatte, in einer Rückkehr zur Fotografie, die ich im „Tagebuch des Fotografen“ zwar in Frage gestellt, aber nie wirklich verlassen hatte.
Die Frankfurter Buchmesse im Oktober 2000, zu der ich wie gewünscht auf Einladung meines Verlags als „Fachbesucher“ anreisen durfte, gab mit ihren geschätzt dreihunderttausend Titeln den Anstoß, eine Art persönlichen Mikrozensus um mein eigenes Buch herum zu versammeln, den ich dieser ungeheuren Masse als Stichprobe entgegenhalten wollte.
Mit der Willenserklärung in Gestalt eines verstaubten Bücherstapels hätte es wohl sein Bewenden gehabt, wenn nicht ein Umzug die Auslagerung dieses und andrer aufgehäufter Konvolute in mein Labor erzwungen hätte. Denn dort begann ich – fünf Jahre später - in einer Zeit winterlicher und allgemein in den Zeitläuften begründeter Arbeitslosigkeit mit der buchhalterischen Spielerei, den Stapel erst einmal nach Größen geordnet wiederaufzuschichten, dann aber diese Pyramide auf den Kopf zu stellen, dabei jedes Buch wieder zur Hand nehmend und von neuem lesend, um die verschütteten Zusammenhänge zu rekonstruieren. Und mit der Fotografie dieses erstaunlich stabilen Architekturmodells aus Büchern, kopfstehend auf der kühlen Marmorplatte, die sonst dem Glätten heißgetrockneter Schwarzweißprints dient, war plötzlich der Weg frei, nun Buch für Buch zu besprechen.
Nach glücklichem Beginn stürzte mich das harmlos scheinende Unterfangen allerdings in tiefe Verzweiflung angesichts des Katalogs gescheiterter Hoffnungen, die sich in fast jeder Position verbargen. Nur ganz langsam, und immer ausführlicher werdend, kann ich diese vierundzwanzig Stücke abhandeln und ein „volles Alphabet“ durchbuchstabieren, wie es die Drucker früher nannten, wenn zwei Dutzend Bogen auf ein Buch gingen. Weiter schreiben, auch wenn das Schweigen oder freundlich aufmunternde Reaktionen meiner Umwelt bei Erwähnung dieses Projekts wiederum völlige Aussichtslosigkeit und Abseitigkeit desselben nahe legen.

Berlin, im Frühjahr 2005

 

Da ich nun doch die Bibliographie zu einem Ende gebracht und als Privatdruck mit einer Originalfotografie in limitierter Auflage ediert habe, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass ich im Herbst 2005, zur alljährlichen Wiederkehr der Frankfurter Buchmesse, noch einen - wenigstens für mich unverzichtbaren - Nachtrag an den Schluss gestellt habe. Bei welcher Gelegenheit ich gleich die ganze Schrift einer eingehenden Revision unterzogen, Text und Register erweitert und diese Edition auf meiner website www.kirchner-phot.de im Internet angezeigt habe.

André Kirchner